Förderungswürdige Kriterien für Community Media in Berlin-Brandenburg

Bild: Freies Radio in Berlin und Brandenburg

EU-Parlament und EU-Rat haben in umfangreichen Erklärungen den Mehrwert von gemeinnützigen Bürger- und Alternativmedien (community media) für die Gesellschaft beschrieben.

In Berlin und Potsdam organisiert sich Freies Radio im Community-Radio-Bereich des nichtkommerziellen Sendeverbunds 88vier. Freies Radio stellt dort seit 2010 kontinuierlich unter Beweis, dass es wichtig und förderungswürdig ist.

Im Herbst 2013 beantragten die Veranstalter Colaboradio, Frrapo, Pi Radio und Studio Ansage bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) eine angemessene Finanzierung des Community-Radio-Bereichs. Sie legten der mabb zehn Punkte vor, die für eine Förderung des Community-Radio-Bereichs sprechen.

1. Partizipation am Meinungsbildungsprozess

  • In einer durch Medien bestimmten Welt bietet der Community-Radio-Bereich den Bürgerinnen und Bürgern der Region Berlin-Brandenburg kostenlos die Möglichkeit, aktiv und selbstbestimmt an der Rundfunk-Programmgestaltung teilnehmen und eigene Inhalte veröffentlichen zu können.
  • Mehr als 300 Sendemacher/innen aus über 120 Redaktionen beschäftigen sich im Community-Radio-Bereich u.a. mit Ereignissen und Veranstaltungen aus den Bereichen Politik, Kultur und Gesellschaft.

2. Offener Zugang

  • Der Community-Radio-Bereich gibt allen Personen und Gruppen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Interessen oder Nationalität, die Möglichkeit zur unzensierten Meinungsäußerung und Informationsvermittlung im Rundfunk.
  • Ein nach dem Presserecht und den Regeln demokratischer Beteiligung und Transparenz verabschiedetes und veröffentlichtes Redaktionsstatut (2010) gewährleistet die Chancengleichheit des Zugangs und regelt das Verfahren bei Missbrauch.

3. Vielfalt der Kulturen und Minderheiten

  • Der gemeinsame Community-Radio-Bereich fördert den Zugang für Menschen, die Öffentlichkeit im Sinne der Meinungsvielfalt mitgestalten wollen, deren Themen und Zusammenhänge aber in anderen Medien wenig oder gar keine Beachtung finden. Entsprechend finden im Community-Radio-Bereich soziale, kulturelle, ethnische etc. Minderheiten ihren Platz und ihre Stimme.
  • Der Community-Radio-Bereich versucht, die kulturelle Vielfalt Berlins im Radio abzubilden und fördert den interkulturellen Dialog. Sendemachende aus mehr als 20 Herkunftsländern beteiligen sich am Programm: Studierende, Freiberufler/innen, Kunst- und Kulturschaffende, Clubs, Verlage, Zeitschriften, Internetradios- und blogs, Lesebühnen, Autor/inn/en, Schauspieler/innen, Arbeitslose, gesellschaftlich benachteiligte Randgruppen oder ganz einfach Radiointeressierte.
  • Der Community-Radio-Bereich arbeitet mit Schulen und Universitäten zusammen, genauso wie mit Vereinen, Initiativen und kommunalen Einrichtungen. Darüber hinaus betreibt der Community-Radio-Bereich überregionale und internationale Kooperationen mit anderen Radiostationen (siehe Pkt. 6).
  • Der Community-Radio-Bereich koordiniert nicht nur die Anfragen der Radiomachenden, sondern auch die der Radiohörenden. Durch ihre Themen- und Interview-Vorschläge, Musikangebote etc. erhalten jährlich mehr als 2000 Menschen im Community-Radio-Bereich die Gelegenheit, in Interviews zu Wort zu kommen; sie berichten über lokale Initiativen, Vereine, Einrichtungen etc., über aktuelle Ereignisse aus Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus treten jährlich mehr als 100 Musikformationen live im Community-Radio-Bereich auf.
  • Der Community-Radio-Bereich bietet eine Plattform für neue Ansätze, experimentellen Umgang mit Radioformaten und deren Weiterentwicklung (z.B. Live Arts Week oder Radio Arts Space).
  • Aus der Tradition der Veranstaltungsradios kommend begleitet der Community-Radio-Bereich Events, Festivals, Kiezfeste etc. (Suppe und Mucke, Fete dela Musique, CCC, Literaturfestival, RAW-Tempel, Internationaler John-Peel-Day etc.)

4. Medienkompetenz und Weiterbildung

  • Der Community-Radio-Bereich vermittelt nachhaltig Medienkompetenz, indem die Radiomachenden nicht nur Sendezeit, sondern auch technische und personelle Unterstützung bei der Produktion der Beiträge erhalten.
  • In Workshops, aber vor allem im laufenden Sendebetrieb, vermittelt der Community-Radio-Bereich Wissen über das Mediensystem, bietet Menschen Einblick und Zugang zu betrieblicher Praxis, fördert die Vernetzung von Medienpädagogen und Medienschaffenden sowie qualifiziert Multiplikatoren im Hinblick auf den Mediensektor.
  • In jährlich 2288 Stunden Rundfunk fördert der Community-Radio-Bereich die Sendemacher/innen, ihre Sendungen qualitativ weiterzuentwickeln und somit mediale Informationen kompetenter einzuschätzen.
  • Darüber hinaus bietet der Community-Radio-Bereich Fortbildungsmöglichkeiten in den Bereichen Organisation, Journalismus, Informatik und Tontechnik an.

5. Erprobung neuer Sendeformen

  • Der Community-Radio-Bereich erprobt neue Sendeformen durch dezentrale Studios in Pankow, Friedrichshain, Wedding und Potsdam.
  • Damit einhergehend entwickeln die Mitarbeiter des Community-Radio-Bereichs die entscheidende Software, die für die technische Sendeabwicklung des Programms (Audiostreaming) in der Voltastraße/ALEX benötigt wird.
  • Der Community-Radio-Bereich bietet die Möglichkeit der Anbindung weiterer externer Studios und Streams sowie der Vorproduktion, falls Sendetermine vorort nicht wahrgenommen werden können.

6. Lokale Vernetzung - internationale Ausstrahlung

  • Die Redaktionen des Community-Radio-Bereichs wenden sich mit lokalen bis internationalen Themen an ein UKW-Verbreitungsgebiet von 3,2 Mio. Einwohnern in Berlin-Brandenburg. Per Internet-Stream werden sie weltweit wahrgenommen.
  • Gemeinsame Projekte mit in Berlin-Potsdam ansässigen Institutionen verorten die Veranstalter des Community-Radio-Bereichs lokal (z.B. Clubs, Lesebühnen, Kinos, Universitäten, Institutionen wie Raumfahrtagentur, C-Base, Freiland, Brotfabrik, CPV, RAW, ORWOhaus etc.).
  • Der Community-Radio-Bereich fördert den überregionalen Dialog durch gemeinsame Projekte und Sendereihen mit anderen Community-Radios, wie z.B. Radio Corax aus Halle oder Radio FSK aus Hamburg.
  • Vertreter des Community-Radio-Bereichs sind als Mitglied im Bundesverband Freier Radios (BFR), Community Media Forum Europe (CMFE) und World Association of Community Radio Broadcasters (AMARC Europe) sowohl im deutschsprachigen, als auch europäischen Raum vernetzt, und als offizielles Freies Radio legitimiert.
  • Der Community-Radio-Bereich fördert durch Kooperationen mit ausländischen Radiostationen (z.B. Kol HaCampus aus Tel Aviv oder Radio Cona aus Ljubljana) oder Kulturorganisationen (z.B. xing.it aus Bologna, Mailand oder beton7 aus Athen) sowie die Teilnahme am Cultural Broadcasting Archive (CBA, Österreich) den internationalen Kulturaustausch.
  • Der Community-Radio-Bereich ist in kommunale, regionale und internationale Strukturen eingebunden und unterstützt damit die Entwicklung der Region Berlin-Brandenburg als Medienstandort von nationaler und europäischer Bedeutung.

7. Bundesland Brandenburg

  • Brandenburg ist das einzige deutsche Bundesland, in dem es bis vor kurzem weder einen Offenen Kanal, noch ein Freies Radio gab. Durch den Community-Radio-Bereich sendet nun mit dem Potsdamer Radio Frrapo seit Mai 2011 der erste und einzige nichtkommerzielle Radiovertreter Brandenburgs auf 88vier.
  • Darüber hinaus unterstützt der Community-Radio-Bereich auch in anderen Regionen Brandenburgs Community Media, z.B. Radio Slubfurt aus Frankfurt/Oder (seit 2014 Mitglied im BFR).

8. Community Media in Deutschland und Europa

  • Sowohl das Europäische Parlament in seiner Resolution vom September 2008, als auch der Europarat in einer Erklärung des Ministerkomitees vom Februar 2009 haben Community Media als eigenen, dritten Sektor des Rundfunksystems zu einem wichtigen Teil eines demokratischen Mediensystems erklärt. Der Community-Radio-Bereich setzt sich dafür ein, dass diese Empfehlungen auch in Berlin-Brandenburg zur Geltung kommen.
  • Andere deutsche Bundesländer (z.B. Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt) profitieren bereits seit Jahren von der Förderung Freier Radios. Thüringen zeigt, wie Offene Kanäle und Freie Radios gleichberechtigt gefördert auf einer Frequenz senden können. In vielen europäischen Ländern, darunter Großbritannien, Österreich und der Schweiz, stellen Community Media einen festen und umfangreich geförderten Bestandteil der Radiolandschaft dar.
  • Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, äußerte sich am 9. November 2010 in einem Grußwort über das "sagenhaft ausgeprägte" ehrenamtliche Engagement bei den Bürgermedien. Er sprach von der Wichtigkeit ihrer Existenzsicherung und davon, dass "die Grundfinanzierung der Bürgermedien über die Landesmedienanstalten zu gewährleisten ist, die wiederum ja mit einem bestimmten Prozentsatz teilhaben an den Rundfunkgebühren".

9. Nachhaltigkeit, Effizienz und Ehrenamt

  • Seit Mai 2010 stellt der Community-Radio-Bereich auf 88vier kontinuierlich unter Beweis, dass Freie Radios in Berlin-Brandenburg nicht nur nachhaltig, sondern auch effizient arbeiten. Mit dem Community-Bereich ist ein selbstverwalteter Bereich entstanden, der weit mehr Aufgaben als die reine Erstellung von Radioinhalten übernimmt: Sendeplanung, Koordination, Studiobetrieb, Workshops, Sendezuleitung (z.B. Umschaltung zwischen Studios), Nutzung neuer Medien (Präsentation von Sendeinhalten, Kommunikationsplattform im Internet) etc.
  • Der Community Radio Bereich unterhält eigenständig vier Studios in Berlin Pankow, Friedrichshain, Wedding sowie in Potsdam. Mehr als 40 Ehrenamtliche engagieren sich mit großem Zeitaufwand u.a. in Koordination, Ton-Technik, Programmierung und Mediengestaltung. Ein sachkundiges und fachlich geschultes Team sorgt dafür, dass über 120 Redaktionen, mehr als 300 Sendemachende, auf der 88vier senden können.
  • Die Mitarbeiter des Community-Radio-Bereichs entwickeln neue Software, um Arbeitsabläufe zu optimieren, z.B. die Audiostreaming-Technik für die technische Sendeabwicklung des Programms oder eine Kalender-Software zur gemeinsamen Darstellung und Archivierung der Sendeeinträge.

10. Nichtkommerzialität

  • Der Community-Radio-Bereich ist gemeinnützig, arbeitet nicht gewinnorientiert und lehnt kommerzielle Werbung ab.

Auszug aus der Finanzierungsanfrage "Alles umsonst?" des Community-Radio-Bereichs bei der Medienanstalt Berlin Brandenburg (mabb) vom 1. Oktober 2013, veröffentlicht unter: